Wohin geht’s Türkei?

Vor ein paar Tage hat meine (türkische) Frau einen (türkischen) Bekannten zufällig auf der Straße getroffen. Im Laufe einer kurzen Unterhaltung brachte meine Frau zum Ausdruck, dass es an der Zeit wäre, dass Erdogan zurücktritt. „Wieso denn das?“ sagte dieser, „er hat doch viel geschafft.“

Diese Aussage hat überrascht, ihr Gesprächspartner ist jemand, der voll in die deutsche Gesellschaft integriert ist, seine Frau ist modern und trägt keinen Kopftuch, er hat einen deutschen Schwiegersohn, ist ein Gewerkschaftler. Im Prinzip ist er der letzte, von dem man erwarten würde, dass er sich auf der Seite der Fundamentalisten schlägt. Und so wächst die Erkenntnis, dass einigen Leute ihre feste Meinung haben, und es den nicht offensichtlich möglich ist, weiter über den Tellerrand zu schauen. Aber genau diese Meinung habe ich in den letzten Tagen oft gehört.

Natürlich ist der wirtschaftlicher Aufschwung, wie er die Türkei in den letzten Jahren erlebt hat, mit dem Namen Erdogan verbunden. Erdogan hat geschafft, was seine Vorgänger aufgrund der Korruption in der türkischen Politik nicht konnten. Er hat die Wirtschaft angekurbelt und den Weichen für eine moderne Türkei gelegt.

Aber der Wirtschaftswunder Türkei ist zum größten Teil auf den Boom in der Baubranche begründet, und wo dieser langsam angfängt abzuflauen, werden neue, gigantische Projekte in Angriff genommen, wie eine dritte Brücke über den Bosphorus, einen neuen großen Flughafen für Istanbul … und eben die „Umgestaltung“ der Gezi Park.

Jetzt ist man an einen Scheideweg gelangt und die Türkei ist in zwei Fraktionen gespalten. Und es geht nicht nur darum, ob Erdogan weiterregieren kann. Eigentlich geht es überhaupt nicht mehr darum. Durch seine Aktionen, Aussagen und undemokratisches Verhalten hat er sich nun endlich verraten und eigentlich disqualifiziert. Die AKP wird wohl weiterregieren; im Falle von Neuwahlen, würde sie wohl wiedergewählt. Die Frage ist aber, ob es mit oder ohne Erdogan weitergeht, ja weitergehen kann. Aus Sicht der AKP gesehen stellt sich die pragmatische Frage, ob nicht jemand wie Gül die Zügel in die Hand nehmen sollten.

Aber auf jeden Fall hat Erdogan einen gewaltigen Schuß vor dem Bug gekriegt, und den Hinweis erhalten, dass er die Demokratie in der Türkei nicht abschaffen kann. Ob er den Hinweis verstanden hat, darf man allerdings bezweifeln.

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