Musik 23.05.2009

Rocshire Records – Die ganze Geschichte

[nextpage title=“Wachstum“ ]Die Geschichte von Rocshire Records ist eine erstaunliche Geschichte. Das Leben dieser Firma war genauso sensationell wie skandalumwittert.

Gegründet wurde Rocshire Records in Juni 1982 vom exzentrischen Rocky Davis und seiner Frau Shirley – so entstand auch der Name Rocshire. Rocky hatte angeblich sein Geld angeblich mit der Schifffahrt verdient, und war selbst auch ein ehemaliger Musiker. Shirley hatte einen Namen für sich als Tourmanagerin gemacht, arbeitete zu dieser Zeit allerdings nicht aktiv in der Firma ihres Mannes.

Schon die Gründung der Firma hatte in der Branche für viel Aufgregung gesorgt. Zu einer Zeit, wo die großen Plattenlabels von Kalifornien an die Ostküste Amerikas gezogen sind, ließ sich Rocshire Records in einem Gewerbegebiet in Anaheim, Orange County nieder. Deweiteren waren die Zahlen aus der Plattenindustrie schon damals nicht gerade vielversprechend. Während der Industrie in 1976 $4,1 Billionen umgesetzt hatte, ware es in 1983 nur noch $3,6 Billionen, und Insider erwarteten für ’84 einen Rückgang von weiterer 10%.

Dies alles kümmerte Rocky Davis freilich nicht. Der Legende nach hat er die Firma eh nur gegründet, weil er sich in der kalifornischen Band Citzen Kane verliebt hatte. Um diese auf Vinyl zu bekommen, beschloß er, ein eigenes Aufnahmestudio zu bauen.

Um seine Pläne zu realisieren nahm er die Hilfe von Lester Claypool (früher bei RCA und ABC Records) in Anspruch, der ihn während des Baus des Studios beraten und unterstützen sollte. Claypool warf dann alle Planungen um und entwarf ein State-of-the-Art Studio, in dem der erste Neve 8128 Mischpult der Welt  eingebaut wurde. Claypool wurde Vize-Präsident von Rocshire.

„Als ich die Tragweite dessen erkannte, was Rocky vor hatte, war mir klar, dass wir jemanden mit Fachkenntnisse brauchten,“ sagte er, „also habe ich Gary  empfohlen. Er hatte zu der Zeit nichts Besseres vor, also sagte er, ‚ja, warum nicht, lass uns eine Plattenfirma gründen'“

Gary Davis (übrigens nicht mit Rocky verwandt) hatte bei Motown, ABC Records und Warner Brothers Erfolge als Manager gefeiert, und um Rocky Davis die Sache schmackhaft zu machen, griff Claypool zu einer List: Er lud sein Auto mit Dutzenden von Goldenen Schallplatten, die der 40-jähriger Gary früher in seiner Karriere verdient hatte. Als Rocky dann die Namen auf die Platten sah – Fleetwood Mac, The Doobie Brothers, Steely Dan, Billy Preston, The Crusaders, Tom Petty und andere, war er begeistert, und Gary hatte sein Job.

„Rocky war nie darüber begeistert, wie die Künstler von den Labels behandelt wurde, sagte Davis, „was wir machen, ist ein Plattenlabel kreieren, wo der Künstler an erster Stelle steht.“

Das Konzept von Rocshire lautete „Home of the Artists“ und offensichtlich war die Ausrichtung der Firma wirklich so. „Unser Ziel ist, Künstler zu entwicklen, nicht nur Lieder,“ sagte Gary Davis damals. „Wenn ein Künstler ins Studio kommt,“ erklärte er weiter, „wird er in einem Haus auf Laguna Beach untergebracht. Da ist eine entspannte Atmosphäre, in sofern muss er sich nur um seine Musik kümmern.“

Dies tat der Künstler denn auch in dem super-modernen Studio. Rocshire verfügte auch über ein eigenes Tourensystem, komplett mit Bühne, Licht- und Soundsystem.

Bis zum Sommer 1983 hatte Rocky zwischen$3 Millionen und $4 Millionen in seine Firma investiert, und einige Analysten merkten an, dass die Finanzierung Rocshires größte Problem werden könnte. Laut Industrie-Analyst Kai Rudmann, dessen Papier „Radio Tip Paper“ in der Branche am meisten Respekt entgegengebracht wurde, kostete ein Durchschnittsalbum von einem großen Label ca. eine halbe Million Dollar – pro Album, versteht sich.

Rudmann: „Große Labels haben großes Geld. Das ist so im Fernshen, bei Spielfilmen, bei allen Projekten in Entertainment-Bereich. Und wenn man von Projektkapital in dieser Nachbarschaft redet, das wird schon ein großes Problem.“

Man gestand allerdings Rocshire eine sehr intelligente Konzeption zu. „Rocshire gibt viel Geld aus, aber sie machen es so, dass sich künftige Ausgaben im Rahmen halten werden, “ schrieb das Orange County Magazine in ihrer August 1983 Ausgabe, „Die Gesellschaft ist auf dem besten Weg, ein autarker Entertainment-Komplex zu werden.“

Bei Rocshire wies man zudem auf die niedrigen Betriebskosten hin. Aufgrund dieser Tatsache, müsse die Firma nicht so viele Schallplatten verkaufen wie die großen. Claypool schätzte, dass ein Künstler bei Rocshire 20.000 bis 25.000 Schallplatten absetzen musste, um auf plus-minus Null zu kommen – „Nicht soviel nach heutigen Standards.“ Rocshire setzte zudem auf relativ unbekannte Künstler. Dadurch hielten sich Vorauszahlungen und Vorschüße in Grenzen. Und da die Firma ihr eigenes Studio hatte, entstanden dort auch kaum Kosten.

Die Zugpferde von Rocshire waren ex-Rainbow Mann Tony Carey sowie Chad & Jeremy, die Erfolge während der British Invasion der USA gefeiert hatten, aber in den letzten 20 Jahre keine neue Schallplatten herausgebracht hatten. Besonders mit Carey feierte Rocshire einige bemerkenswerten Erfolge. Laut Radio and Records gehörte Carey’s LP „Tony Carey“ zu den 20 meistgehörten Schallplatten des Landes in 1983. Die gleiche Publikation listete Carey’s Single „I Wont Be Home Tonight“ auf Platz 16 der meistgespielten AOR Tracks.

„Ich bin geschockt“ sagte damals Steve Rosenthal, Director of Artist Relations bei Westwood One, dem größten Vertreter der national gesponserten Radio-Sender in den USA. „Was Rocshire mit einem Künstler wie Tony Carey geschafft hat, ist nahezu unmöglich. Sie werden ja immerhin ausschließlich von Independents vertrieben und haben nicht das gleiche Gewicht wie die großen Firmen, oder die Kleinen, die von den Großen vertrieben werden. David Geffen lässt seine Produkte durch Warner Brothers vertreiben, und Berkeley Records, die mit Greg Kihn einen großen Hit landete, hat Elektra/Asylum. Aber dass eine komplett unabhängige Firma dies schafft, gleich einen Militärputsch!“

Analyst Rudmann sah das etwas anders „die Tatsache, dass seine Produkte von Unabhängigen vertrieben werden, ist ehe ein Vorteil und kein Hindernis. So war es früher, und so wird eine größere Flexibilität ermöglicht“

Und Lester Claypool meinte: „Ich wusste, dass das Produkt gut ist, und mit Gary David an meiner Seite, der die Promotion koordiniert hat, habe ich erwartet, dass wir Erfolg haben.

Der Erfolg sollte aber bald ein jähes Ende nehmen.

[/nextpage][nextpage title=“Der Niedergang“ ]Zunächst aber musste Gary Davis mit einer persönlichen Tragödie fertigwerden.
Seine Tochter Stacy war eine Promotionsbeauftragte bei Rocshire Records. Sie bereiste das Land und besuchte unter anderem Radio Stationen, die in Colleges betrieben wurden, weil Rocshire diesen Markt knacken wollte. Auf dem Weg zur „College Media Journal Musik Wochenende“ in Oktober in New York, wurde ihr Auto auf dem Weg zum Flughafen von einem betrunkenen Fahrer gerammt. Sie wurde auf der Stelle getötet.

Es sollte aber noch schlimmer kommen. Kaum ein Jahr später gab es Rocshire nicht mehr. Was alle nicht wussten, was Gary Davis und Lester Claypool auch wohl nicht wussten: Rocshire Records wurde auf unterschlagenes Geld aufgebaut. Die Millionen, die Rocky Davis in seine Firma gepumpt hatte, waren, zumindest zum Teil geklaut.

Quelle: Billboard 21.12.1984
Quelle: Billboard 21.12.1984

Hier kommt die Frau von Rocky, Shirley Lindsay Davis, ins Spiel. Shirley war, wie bereits oben erwähnt, nicht in der Firma ihres Mannes aktiv, obwohl sie früher Tourmanagerin gewesen war. Sie war laut einer ehemaligen Mitarbeiterin Diane L. „Systems Analyst“ in der Hughes Medical Fund bei Hughes Aircraft und hatte 60 Leute unter sich, und laut ihre Beschreibung, hatte sie die komplette Kontrolle über die Abteilung. Mitarbeiter, die sich gegen sie stellten, wurden kalt abserviert, sie hatte wohl die absolute Macht.

Anders ist es auch nicht zu erklären, dass es ihr gelungen ist, aus einer streng bewachten Abteilung so viel Geld zu entwenden, das immerhin reichte, um Rocshire Records mit all ihren Studios, Büros usw. zu finanzieren und über Wasser zu halten.

Irgendwann wurden die IRS und FBI auf Rocshire aufmerksam, die Firma wurde geschlossen und die noch vorhandene Masse beschlagnahmt. Zunächst war der Rede von 3 Millionen Dollar, die entwendet wurden, aber letzendlich wurden Gary und Shirley wegen $12,7 Millionen angezeigt und verurteilt. Shirley erhielt 10 Jahre Gefängnis für ihre Beteiligung an dieser Sache. Ihre Tochter Kathy, die angeblich mit verwickelt wurde, wurde aufgrund ihres Alters nicht verklagt, aber offensichtlich wanderte sie dann doch später wegen einer ähnlichen Geschichte ins Gefängnis.

Shirley selber hatte laut einer ehemaligen Mitarbeiterin immer damit geprallt, mehr als $33 Millionen gestohlen zu haben. „Was ich überhaupt nicht anzweifele,“ schrieb sie, „Shirley Lindsay Davis spazierte Tag für Tag über einem Zeitraum von 4 Jahren aus einer abgesicherten Abteilung mit Schecks im Wert von $100.000, alle mit einem Einzelwert unter $10.000. Das Maximum, was wir drucken konnten. Sie war Systems Analyst, jedes medizinische Problemfall landete auf ihren Schreibtisch.“

Während einer Ebay Transaktion vor gut 2 Jahre hatte ich kurz Kontakt zu einem Neffen von Shirley Davis. Ihre Familie hat wohl (verständlicherweise) versucht, die ganze Geschichte zu vertuschen. Aus diesem Grunde wussten die Leute, zu den ich Kontakt hatte, von der ganzen Geschichte gar nichts und wurden erst durch mein Nachfragen auf die Geschichte aufmerksam. Für sie war Shirley in den 80er Jahre einfach verschwunden – man erzählte ihnen, sie wäre weggezogen.

Die Folgen für die Musiker war natürlich verheerend. Sie verloren alles – sogar die Bänder wurden von der FBI beschlagnahmt und wurden nicht wieder gesehen.

selektive Diskografie
(Diese Liste ist nicht vollständig)

tonycarey Tony Carey Tony Carey LP
wontbehome Tony Carey I Won’t Be Home Tonight LP
alcatrazz Alcatrazz No Parole From Rock And Roll LP
theboy Caro The Boy Is Mine LP
chadandjeremy Chad Stuart & Jeremy Clyde Chad Stuart & Jeremy Clyde LP
williams Lenny Williams Changes LP
ohne Abbildung
Maxine Watta, Maxina Watta (LP, Album)
The Suttons, Kraazy (12″)
Geoff Edmunds, Geoff Edmunds (LP)
Cee Farrow, Red and Blue (LP)
Cee Farrow, Should I Love You / Paint It Blue (7″)

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Dave
Ein Original-Tyke aus Yorkshire UK. Wuchs während der 70er auf, was sein Musikgeschmack nachhaltig beinflusst hat, er weiß aber, dass auch heute gute Musik gemacht wird. Liebt Musik, WordPress, HSV (jetzt erst recht), Rugby League, Istanbul und Bier - man gönnt sich ja sonst nichts. Zu Rechtsschreibfehlern. die meisten Texte sind durch duden.de geprüft. Aber man weiß ja nie...

11 thoughts on “Rocshire Records – Die ganze Geschichte”

  1. Was für eine irre Geschichte. Bitte mehr davon. Gibt es noch Fotos von Gary und Shirley? Mich würde mal interessieren, wie viele Platten von Caro angepresst wurden. Was für eine Rarität. Wo liegen da wohl jetzt die Rechte?
    Schöne Grüße, und das ist ja eine interessante Seite hier.

    1. Also… theoretisch müssten die Rechte für die Caro Platte bei Rainer Pfortner liegen, Caro hat sie damals an ihn übertragen. Wo die Bänder sind, ist allerdings eine andere Frage. Ich vermute mal, es gibt sie gar nicht mehr. Ich hatte irgendwo gelesen, dass in den USA die entsprechende Gesellschaften solche Bänder idR höchstens ein halbes Jahr aufbewahren…

  2. Oha, bleibt die Frage wer dieser Rainer Pfortner ist? Und wo der sich aufhält? War das ihr Manager?
    Kein Wunder das es keine alten Schallplatten von Caro auf CD gibt, wenn sich alles so komplziert verhält.

    1. Rainer Pfortner ist Deutscher Produzent, hat viel mit Peter Hauke gemacht. Der steckt(e) immer mit im Hintergrund habe ich das Gefühl. Irgendwie wie so’n vorzeitlicher Bohlen…

  3. Das ist ja interessant. Habe von dem noch nie gehört. Für mich gab es nur einen coolen Produzenten mit Rang und Namen in Deutschland: Conny Plank.

    1. Es ist auch kaum was über ihn im Internet zu finden – merkwürdigerweise. Peter Hauke sollte ein Begriff sein aber, er hat schließlich Supermax entdeckt und produziert

  4. Ja, Hauke tauchte oft als Produzent auf. Allerdings war er eigentlich mehr Manager, als alles andere. Der Mann der Beziehungen. Er hat damals auch viel mit den Wienern wie Christian Kolonovitz gearbeitet. Die Cashcow von Hauke war jedoch Tony Carey. Der schrieb in einem Jahr locker 200 Songs, und davon waren 50 Nummern in den Top 100. Was ist eigentlich aus Hauke geworden?

  5. Supermax?! Gibt es die noch? Mit Hauke hatten die Glück. Immer wenn das Studio leer war, durften sie rein und an Songs feilen. Per Zufall entstand dann Lovemachine, und das Ding wurde ein riesen Hit. Eigentlich war ihre Musik viel Latino mäßiger, so aber wurden sie durch den Hit auf den Sound von Lovemachine festgelegt.
    Über Supermax gibt es noch viele lustige Geschichten im Buch vom Jürgen Zöller.

  6. Hallo. Habe gerade gelesen das Caro in Pinneberg mit Manusch und Enzo Weiß auftritt. Gibt es da noch nähere Infos? Steht da eine neue CD an? Falls jemand etwas mehr weiß, würde ich mich um eine Antwort freuen. Liebe Grüße, Sanne

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